Jan Giger, Leiter Netze

Strom

«Weniger Kupfer, mehr Grips»

 

Jan Giger, seit 1. Mai 2019 neuer Leiter Netze der Elektra Jegenstorf und Mitglied der Geschäftsleitung, sieht erhebliche Vorteile für die Kunden dank neuen Technologien.

 

Herr Giger, was interessiert Sie an Strom?
Strom ist in der heutigen Gesellschaft absolut unverzichtbar und er ist so selbstverständlich geworden, dass fast alle Leute sich ein Leben ohne Strom kaum mehr vorstellen können. Mich interessieren die Zusammenhänge im Hintergrund, welche diese Selbstverständlichkeit überhaupt erst möglich gemacht haben.

Ihr Vater hat ein Programm für die damalige PTT entwickelt. Wie funktionierte das?
Früher bezahlten die Abonnenten das Telefon pro Anschluss, quasi eine Flatrate. Das Programm ermöglichte neu eine minutenweise Abrechnung der Telefongespräche und damit einen verbrauchsabhängigen Tarif. Es war eine Art smarter Zähler fürs analoge Telefon, der heute allerdings nicht mehr in Betrieb ist. Heute sind die Telefongesellschaften wieder bei der Flatrate angekommen, und vielleicht kommen wir mit dem Strom auch dahin.  

Dann hat Ihr Vater Ihre Affinität zu den Netzen und zum Messen geweckt?
Ja, das könnte schon sein. Ich verstehe mich sehr gut mit meinem Vater, und gerade bei technischen Dingen haben wir einen sehr guten Draht zueinander.

Was versprechen Sie sich von smarteren Netzen?
Von smarteren Netzen verspreche ich mir erhebliche Effizienzgewinne und vor allem auch deutliche Einsparungen.

Was heisst das?
In der Vergangenheit hatten wir eine zentrale, statische Produktion mit grossen Kraftwerken und einen statischen Verbrauch. Der bestand aus Elektroboilern und Elektro-Speicherheizungen mit grossen elektrischen Widerständen. Dieser Verbrauch war sehr gut planbar und relativ einfach zu organisieren. Mit der Energiestrategie 2050 fällt diese festgefügte, statische Welt auseinander.

 

Wie muss man sich das vorstellen?
Die grossen Stromverbraucher, die mit Strom Wärme produzieren, fallen weg. An ihre Stelle treten Wärmepumpen und Elektroautos. Vor allem Wärmepumpen verhalten sich komplett anders als Boiler und verbrauchen viel weniger Strom. In Ergänzung dazu haben wir aber auch eine viel dezentralere Produktion, mit Häusern, die ihre Elektroautos dank der Eigenverbrauchsregel praktisch vollständig mit einer eigenen Photovoltaik-Anlage betreiben. Solche Häuser brauchen, im Gegensatz zu früher, zu bestimmten Zeiten keinen Strom mehr aus dem Netz. Damit nimmt der Strom andere Wege als früher und es entstehen auch Engpässe an Orten, wo früher keine waren.

«Unser Stromnetz kann man sich vorstellen wie eine Strasse, auf der es zu Stosszeiten Stau gibt.»

 

Welche Auswirkungen hat das auf das Netz der Elektra?
Die alte Lösung wäre gewesen, dass die Netzverantwortlichen an allen denkbaren Engpässen neue, dickere Leitungen verbauen und tonnenweise Kupferkabel zusätzlich in den Boden versenken. Nun ist aber das Netz im Durchschnitt nur sehr wenig ausgelastet. Oft liegt die Auslastung weit unter 50 Prozent. Unser Stromnetz kann man sich vorstellen wie eine Strasse, auf der es zu Stosszeiten Stau gibt, die ansonsten aber wenig befahren ist. Smarte Systeme helfen uns, diesen Stau zu vermeiden, ohne dass wir mehr Kupferkabel verbauen. Sie helfen der Elektra bei ihrer zentralen Aufgabe, ein Versorgungsmodell zu entwickeln, das den technischen, finanziellen und gesellschaftlichen Herausforderungen gerecht wird.

Wer sagt dann dem E-Auto, wann es laden soll und wann nicht?
In einem smarten System muss nicht das Netz dem Auto sagen, wann es laden soll. Das Auto soll selber merken, wann ein günstiger Zeitpunkt zum Laden wäre. Doch dafür braucht es bestimmte Informationen aus dem Netz, die wir zur Verfügung stellen müssen. Und dafür brauchen wir Smart Meter.

Sollen die Speicher ebenfalls so selbständig arbeiten?
Wir möchten in diese Systeme auf jeden Fall auch Speicher einbinden, die so reagieren. So kann es sein, dass sich ein ganzes Quartier oder ein Strassenzug mit Batterien und Photovoltaikanlagen mehr oder weniger selber organisiert. Für den Kunden ändert sich dabei nichts. All diese Systeme laufen unbemerkt im Hintergrund – und sind teilweise schon jetzt im Einsatz.

 

Wie sehen die Tarife für die Konsumenten künftig aus?
Die eine Sache sind technische Lösungen, die andere sind die gesetzlichen Rahmenbedingungen für neue Tarifmodelle. Die Verbrauchs- und Lastspitzen im Netz haben sich in den Abend verschoben. Die Mittagsspitze dagegen verschwindet. Zum einen produzieren die Photovoltaik-Anlagen dann sehr viel Strom, zum andern verändert sich das Verhalten in der Gesellschaft. Das klassische grosse Familien-Mittagessen, das die Hausfrau früher ab 11 Uhr gekocht hat, ist selten geworden. Die Leute essen etwas Kleines auf der Arbeit und kochen dafür am Abend gemeinsam. Es ist das Ziel der Elektra, diese Wellen möglichst flach zu halten und so den Bedarf gleichmässig zu verteilen. Deshalb muss es neue Technologien und insbesondere flexible Tarifmodelle geben, bei denen der Strom tagsüber teilweise günstig ist und gegen Abend teurer wird. Der bei Niedertemperatur den ganzen Tag über gegarte Braten im Backofen wäre damit energetisch günstiger als ein am Abend auf allen Herdplatten gleichzeitig gekochtes Nachtessen.

Nun ist der Energiepreis nur ein Teil der Stromrechnung. Die Kosten fürs Netz sind höher als diejenigen für die Energie. Welche Tarife müsste es für das Netz geben?
Fürs Netz wäre ein Fixpreis die vernünftigste Lösung. Denn das Kupferkabel wird eingebaut und dann ist es egal, wieviel Strom fliesst. Es gibt deshalb auch Bestrebungen in der Branche, Strompreise nicht mehr mengen-, sondern leistungsabhängig zu gestalten.

Mit smarten Netzen sammeln Sie automatisch auch sehr viele Daten. Was machen Sie damit?
Wir brauchen diese Daten für die Abrechnung. Zudem möchten wir unseren Kunden ihren Verbrauch übers Internet oder über eine App auf die Viertelstunde genau mitteilen. Damit könnten die Stromkunden ihren Verbrauch reduzieren und optimieren. Wie sich die einzelnen Kunden konkret verhalten, interessiert uns nicht. Wir rechnen die gesammelten Daten anonymisiert auf das Verhalten ganzer Quartiere oder Strassenzüge hoch. Die Ergebnisse schaffen die Grundlagen für den Netzbetrieb und die Projektplanung.

Gibt es noch andere Verwendungen für diese Daten?
Ja. Eine sehr wichtige Anwendung ist das frühzeitige Erkennen möglicher Engpässe. Wenn beispielsweise irgendwo ein Kabel oder ein Trafo überlastet ist, zeigen sich diese Anomalien in den Netzdaten. Dann können wir reagieren, bevor ein ernsthafter Schaden entsteht oder es gar zu einem Blackout kommt.

Welche zusätzliche Netzbelastung bringt die Elektromobilität?
Das kommt auf die zeitliche Verteilung des Ladens an. Wir gehen aber davon aus, dass diese nicht wirklich zu Problemen im Netz führen wird. Die Leistung der Ladestation ist vergleichbar mit derjenigen von Elektroheizungen oder Elektroboilern, die nun immer mehr aus den Häusern verschwinden. Wenn die intelligenten Ladegeräte erkennen, wann das Netz hoch und wann weniger belastet ist, und wenn sie sich entsprechend verhalten, regelt sich das von selbst. Wichtig ist, dass nicht alle gleichzeitig laden. So hätten wir nämlich erst den Stau am Abend auf der Strasse und eine halbe Stunde später dann im Stromnetz. Ich selber fahre auch ein Elektroauto, nicht zuletzt um selber solche Erfahrungen zu sammeln. Über allem steht: Die Elektra will ein sicheres und effizientes Netz für die sichere Versorgung der Kunden.

Persönlich
Jan Giger hat seine Karriere als Elektrozeichner für Hoch-, Mittel- und Niederspannungsnetz mit der Berufsmaturität bei der BKW begonnen. Berufsbegleitend hat sich der heute 38-Jährige zum Techniker HF Elektrotechnik Energie weitergebildet und an der Universität St. Gallen das CAS Management von Energieversorgungsunternehmen erfolgreich abgeschlossen. Vor seiner Tätigkeit für die Elektra war er bei SBB Energie und ewb als Netzprojektleiter tätig.

Jan Giger wohnt mit seiner Frau und seiner Tochter in Jegenstorf. Neben seiner Arbeit bei der Elektra unterstützt er die Energiedatenkommission vom Verband Schweizerischer Elektrizitätsunternehmen VSE, die sich mit intelligenten Messsystemen und Marktprozessen beschäftigt, was für ihn und die Elektra gleichermassen wertvoll ist. Zudem unterrichtet er Vorbereitungskurse für die höhere Fachprüfung von Netzelektrikermeistern.

Die Elektra schätzt er als innovative Arbeitgeberin, der bewusst ist, dass die Energiewende vor allem dezentral und regional stattfinden muss. Jan Giger sieht darin das Modell für die Zukunft, das er mit voller Überzeugung mitträgt

Jan Giger, Leiter Netze bei Elektra, kennt die Energiebranche seit über 20 Jahre

Jan Giger, Leiter Netze bei Elektra, kennt die Energiebranche seit über 20 Jahre

 
STROM

Dieser Artikel ist im Strom-Magazin 3-19 erschienen.

 

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