Dreiecke
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Die Zukunft: ein „Roundtable“

Es wird auch in 20 Jahren noch einen Markt für uns geben, doch das Geschäftsmodell wird anders sein.

28.06.2016

Die Zukunft: ein „Roundtable“

Ein „Roundtable“ mit Ernst Moser, Verwaltungsratspräsident und Andreas Zimmermann, Direktor Genossenschaft Elektra, Jegenstorf - Moderation: Bruno Habegger, Infel


Die Energiebranche schüttelt es durch. Ist sie auf einen Eisberg gelaufen und herrscht jetzt Panik auf der Titanic?
Ernst Moser: Bei uns sicher nicht.
Andreas Zimmermann: Wir stehen aufmerksam auf der Brücke und antizipieren. Wir wissen genau, was wir tun. Darum herrscht bei der Genossenschaft Elektra, Jegenstorf, keine Panik.


Keine Panik also, doch, was ist da los im Markt?
Ernst Moser: Es ist derzeit alles hochreguliert, da kann man fast nicht von einem Markt sprechen. Trotzdem sind die Versorger starken Marktkräften ausgeliefert. Sie haben verschiedene Ausgangslagen. Unsere Situation lässt sich nicht mit einer Alpiq vergleichen, die einen eigenen Kraftwerkspark hat. Produzenten leiden unter den sehr tiefen Stromkosten, die hauptsächlich durch Überkapazitäten auf dem europäischen Markt entstanden sind. Der Markt wird mit billigem Kohle- und Atomstrom geflutet – das ist für unsere Wasserkraft natürlich nicht gut.
Andreas Zimmermann: Es sind strategische Entscheidungen der Vergangenheit, die nun bei einigen wenigen Produzenten negativ nachwirken. Auf der anderen Seite geht es den meisten der 700 Energieversorger der Schweiz gut. Rund 300 ganz Kleine sind in den letzten Jahren zwar verschwunden. Wie Nussschalen im Sturm. Sie sind dem „Sturm der Regulationen“ nicht gewachsen gewesen. Doch die übriggebliebenen Unternehmen entwickeln wie die Elektra eine innovative Kraft, mit der sie die Energiewende gestalten, die längst begonnen hat. Sie sind eben wesentlich agiler als ein schwerer Tanker.


Schlägt nun also die Stunde der Kleinen?
Andreas Zimmermann: So klein sind wir nun auch nicht: Absatzmässig liegen wir etwa auf Platz 50 in der Schweiz. Aber es stimmt: Wir haben eine gute Grösse, um uns strategisch neu auszurichten und eine schon heute voraussehbare Zukunft zu gestalten.
Ernst Moser: Agil kann man sein, wenn man einen kürzeren Zeithorizont hat und kein Kraftwerk mit einer Amortisation von 60 Jahren bauen und betreiben muss. Unsere beste Zeit kommt noch. Wir sind gesund, haben Investitionen in die Zukunft getätigt, in die dezentrale Stromproduktion in unserer Region.
Andreas Zimmermann: Wir haben die Chance, agil und kreativ zu sein. Wir sind kein schwerer Tanker, bei dem jeder Richtungswechsel Monate oder gar Jahre braucht. Wir haben kurze Wege, keine Abhängigkeiten, keine Leichen im Keller. Und einen weitblickenden Verwaltungsrat.


Offensichtlich fördern Sie auch das Querdenken. Wie?
Andreas Zimmermann: Querdenken können alle. Man muss das Potenzial der Mitarbeitenden nutzen. Sich zu ändern ist jedoch kein Grundbedürfnis. Darum müssen wir unseren Mitarbeitenden die Strategie erklären, ihnen aufzeigen, warum es nötig ist, den beschwerlichen Pfad zu nehmen. Wir führen Workshops durch, leisten grosse Überzeugungsarbeit. Markt ist nicht nur lustig. Früher war es in der Tat einfacher. Graben aufmachen, Kabel einziehen, Zähler anhängen und alle drei Monat eine Rechnung senden. Das ist vorbei!


Welche grossen Veränderungen erwarten Sie, die einen Einfluss auf Ihr Geschäft und Ihr Geschäftsmodell haben werden?
Andreas Zimmermann: Es wird nicht die eine grosse Veränderung geben, es ist mehr eine Kombination verschiedener Komponenten der Zukunft. Die dezentrale Produktion etwa wird zum Standard, eine PV-Anlage auf dem Dach zur Selbstverständlichkeit. Daran gekoppelt sind Stromspeicher im Keller oder im Quartier. So selbstverständlich wie heute Warmwasserboiler. Es wird kein Benzin mehr geben, es spielt in der Mobilität einfach keine Rolle mehr. Autofahren wollen wir trotzdem. Strom wird zur Schlüsselenergie. Eine der grossen Folgen der dezentralen Stromproduktion ist: Netze werden nicht mehr so stark belastet wie heute. Es dreht sich nicht mehr alles um die grossen Überlandnetze, sie spielen eine andere Rolle. Das bedeutet aber auch: Die Netze auf den unteren Netzebenen wirtschaftlich zu betreiben, das wird eine grosse Herausforderung. Das Netz muss stabil bleiben, der Ausbau da gemacht werden, wo er wirklich nötig ist. Kurz und gut: Wir müssen die guten Bedingungen für die Kunden aufrechterhalten. Die Schwierigkeit: Auch wer eine eigene PV-Anlage hat und sich selbst versorgt, sollte für die Netznutzung zahlen. Es wäre unfair, diese hohen Kosten denjenigen aufzubürden, die auf dem eigenen Dach keine Anlage betreiben können. Schliesslich profitieren alle vom Netz.


Inwiefern?
Ernst Moser: Die Autarkie des eigenen Hauses ist sicher eine gute Sache, braucht aber immer noch ein Netz als Backup-Lösung. Zudem braucht es etwa für Schnelladestationen sehr viel Strom in sehr kurzer Zeit. Hier sehe ich unsere neue Rolle. Wir richten uns gerade auf die Riesenveränderung in der Branche ein: Kunden werden auch zu Produzenten. Diese sogenannten «Prosumer» fordern uns heraus, uns und unser Geschäftsmodell zu überprüfen und anzupassen.

Diskussionsrunde

Wird denn die Elektra in 20 Jahren komplett anders aussehen?
Andreas Zimmermann (lacht): Zu den gelben Dreiecken in unserem Logo werden wir Sorge tragen. Aber ganz im Ernst: Es wird nach wie vor einen Markt für uns geben, doch das Geschäftsmodell wird anders sein. Es gibt neue Felder, wie etwa die Elektromobilität oder die Vernetzung von Solaranlagen mit dem hausinternen Speicher. Auch die Energieberatung wird sich weiterentwickeln. Datenaustausch wird viel wichtiger werden, auch werden wir neue Dienstleistungen im dezentralen Versorgungssystem entwickeln. Im Bereich PV-Anlagen haben wir bereits bewiesen, dass wir ein neues Geschäftsfeld aufbauen können. Vor allem aber haben wir Mitarbeitende, die voll und ganz auf den Markt und die Kunden ausgerichtet sind. Um Kunden werben, sie zu behalten und zurückzugewinnen, das war in Monopolzeiten nicht notwendig. Das alles ist aber unsere Sicht. Für einen anderen Versorger mit spezifisch anderen Verbrauchern und damit anderen Voraussetzungen sieht möglicherweise alles ganz anders aus.


Sie haben die Wichtigkeit von Daten erwähnt. Bargeld soll ja durch Daten ersetzt werden. Wird die Elektra dereinst zur Bank?
Andreas Zimmermann: Ein Finanzinstitut wollen wir bestimmt nicht werden.
Ernst Moser: Sicher wird sich auch im Finanzbereich vieles ändern. Wir haben mit der E-Rechnung begonnen. Das Zählerablesen in der heutigen Form wird es kaum mehr geben. Vielleicht bieten wir dann eine Flatrate an für Strom und Mobilität. Oder stellen eine Strassenbeleuchtung im Mietmodell zur Verfügung. Das braucht Software, das setzt ein intelligentes Stromnetz voraus. Es ist die Basis für ganz neue Angebote.


Disruption durch Digitalisierung, das ist das Schlagwort. Wie bei Uber oder AirBnB. Neue Unternehmen besitzen keine eigene Infrastruktur mehr, sondern greifen das traditionelle Geschäft an.
Ernst Moser: Das ist für uns eine Chance, keine Gefahr. Menschen wollen je länger je weniger ein Auto oder einen Roller besitzen. Sondern einfach von A nach B kommen. Ob mit einem Roller vom Bahnhof Jegenstorf nach Bern oder mit dem selbstfahrenden Auto von zu Hause nach Thun, das spielt keine Rolle. Digitalisierung ist für uns darüber hinaus vor allem bei der Verrechnung ein Thema. Die Preise werden nicht mehr ein Jahr zum Voraus festgelegt, sondern variieren nach verschiedenen Parametern. Etwa nach Tageszeit oder Netzauslastung.


Herr Zimmermann, haben Sie keine Angst, Ihre Schnittstelle zum Kunden zu verlieren?
Andreas Zimmermann: Nein. Wir verlieren sie nicht. Denn wir haben bereits die Plattform, die Produzenten und Konsumenten zusammenbringt. Wir haben in der Elektrizität eine ähnliche Rolle wie Uber in der Mobilität. Über 550 Produzenten sind im Versorgungsgebiet mit ihrer PV-Anlage im Netz: Wir wachsen in die Rolle eines der genannten Dienstleister hinein. Wir sitzen genau an der Schnittstelle und besitzen noch viel mehr, nämlich die Steuerhoheit. Wir managen den Strom, sorgen dafür, dass jeder versorgt ist, auch wenn die eigene Anlage mal ausfällt oder zu wenig produziert. Wir sind Partner, vermarkten den Strom unserer Produzenten.


Wie wichtig ist dabei die Regionalität?
Andreas Zimmermann: Hier sind unsere Wurzeln. Aber unsere Plattform ist natürlich digital gesteuert und somit ortsunabhängig. Mit der jüngsten Statutenrevision – an der Generalversammlung 2016 beschlossen – dürfen wir neu auch Kunden ausserhalb des angestammten Gebietes gewinnen.


Wo steht die Elektra 2036?
Andreas Zimmermann: Ich weiss nur, dass ich dann nicht mehr in der Arbeitswelt stecken werde. Und dass das Tempo enorm zunimmt. Es ist gefährlich, aus der heutigen Sicht anzunehmen, dass alles bleibt, wie es ist. Wer hätte 2007 gedacht, dass das kleine Telefon, das Steve Jobs vorstellte, in so kurzer Zeit alles verändern würde? So ein schneller Fortschritt und er nimmt an Dynamik zu. Das Tempo der Digitalisierung ist extrem.


Freuen Sie sich auf diese Zukunft?
Ernst Moser: Ich freue mich auf die Veränderung, bin aber nicht euphorisch. Ich bin Realist. Vieles wird auch länger dauern, als wir uns heute vielleicht vorstellen. Wir haben schon vor 30 Jahren über „computer integrated manufacturing“, also computergestützte Fabrikation, gesprochen. Und wir sind immer noch an der Umsetzung. Heute heisst das Industrie 4.0. In meinem eigenen Betrieb habe ich immer noch Handwerker. Nicht alles kann automatisiert werden. Es braucht eine Balance, eine Kooperation zwischen Mensch und Roboter. Letzterer kann etwa im Bereich der Altenpflege, der Überwachung entlasten, doch den Menschen wird es trotzdem immer brauchen.


Wie?
Andreas Zimmermann: Anders. Ein Beispiel: Wir haben derzeit 30 Zählerableser im Einsatz. Irgendwann erfolgt dies automatisiert im Netz. Wir haben heute ein ausgebautes Netz, das bei zunehmend dezentraler Produktion und bei dereinst stagnierender Bevölkerungszahl nicht mehr ausgebaut wird. Dafür wird die digitale Welt komplexer. Dann braucht es mehr Datenspezialisten.
Ernst Moser: Ganze ohne neue Kabel wird es ja nicht gehen. Um ein Kabel zu verlegen, wird es immer den Menschen brauchen. Wobei…
Andreas Zimmermann: … wir schon heute Schwierigkeiten haben, Netzelektriker zu finden. Der Wandel geht manchmal über Generationen. Umso wichtiger ist es, schon heute das Netz richtig zu planen. Wir müssen dort ausbauen, wo es nötig ist. Das Bestehende länger und besser nutzen, darum geht’s – denn die sauber umgesetzte Energiewende braucht weniger Netzausbau.


Strom ist mehr als nur ein Business.
Andreas Zimmermann: Ich bin seit über 25 Jahren dem Strom sozusagen verfallen und stecke viel Herzblut in die Weiterentwicklung der Elektra. Sie ist dank ihrer Grösse und der damit verbundenen Innovationskraft fähig, ihren Teil zur Energiewende beizutragen. Das haben wir ganz einfach beschlossen, anstatt wie Politiker hin und her zu lavieren. Packen wir es an, haben wir uns gesagt. Wir machen es einfach, leisten unseren Beitrag. Mit Sonnenenergie, weil wir in der Sonnenstube des Mittellandes sitzen. Die Energiewende kommt nicht, wir haben bereits gewendet und sind Mitten in der Umsetzung der Energiestrategie 2050.
Ernst Moser: Immer mehr wird vom Strom abhängen, immer weniger von fossilen Brennstoffen und damit von den Interessen der Ölförderländer. Anstatt Milliarden in den Nahen Osten zu schicken, können wir nachhaltig in Europa und der Schweiz investieren. Das kann nur gut für uns sein.

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